All’ongharese

Concerto Constanz im Jubliäumsjahr seines 40-jährigen Bestehens auf Ungarn-Tournee

Mit zwei Kontrabässen und Reisecembalo im Gepäck begeben sich 25 Musiker samt Dirigent und Solist am 30. Juli 2011 auf Ungarn-Tournee. Eine lange, verregnete Tagesbusreise später treffen wir am Plattensee ein. Es dehnen sich die Sonnenblumenfelder, Straßendörfer mit Einraumhäusern von morbidem Charme säumen unseren Weg und plötzlich hört der Regen auf: Das muss Ungarn sein.

Erste Station der Reise ist Keszthely an der Westspitze des Balaton. Hier geben wir unser erstes Konzert im drittgrößten Schloss des Landes, doch mehr als die Größe beeindruckt uns die anmutige, wohlproportionierte Architektur. Die Akustik im barocken Saal hat ihre Tücken mit viel Hall und macht es uns nicht leicht, Mozarts Kleine Nachtmusik und Bachs 3. Brandenburgisches Konzert so filigran erstehen zu lassen, wie die goldenen Ornamente an Decken und Wänden anmuten. Das Publikum schenkt uns gespannte Aufmerksamkeit und geht spontan mit.

Pécs, europäische Kulturhauptstadt 2010, hält einen Konzertraum ganz anderer Art für uns bereit: Im Besucherzentrum Cella Septichora konzertieren wir zwischen den Überbleibseln altchristlicher Grabkammern aus dem vierten Jahrhundert auf der ehemaligen römischen Fußgängerebene in etwa vier Metern Tiefe. Die begehbare Glasdecke, die sich darüber spannt, eröffnet Möglichkeiten für Orchesterportraits aus der Vogelperspektive. Weil unser Konzert ausverkauft ist, muss das Publikum zum Teil stehen, was der Begeisterung keinen Abbruch tut.
Bald erliegen wir dem südlichen Flair der Stadt, bewundern die fantasievoll gestalteten Plätze in Fünfkirchen – so heißt Pécs auf Deutsch. Hier stößt Clara zu uns, Fremdenführerin und Tante unserer ungarischen Freunde und Mitspieler Cecilia und Gyula. Tante Clara wird uns bis nach Budapest begleiten, zeigt uns Kirchen und Moscheen, Weinkeller und Reiterhöfe und bahnt uns den Weg durch das Dickicht der wechselvollen Geschichte der Magyaren, von Stephan dem Heiligen, dem ersten König von Ungarn, bis zu Viktor Orbán, von der Türkenherrschaft bis zum Sozialismus.

Jede Reise durch Ungarn ist auch ein kulinarisches Abenteuer, ungezählt sind die Puszta-Schnitzel, Paprikawürste und Palatschinken, die ein hungriges Streichorchester verdrücken kann, und doch bleibt es in den meisten Fällen eine unlösbare Aufgabe, die großzügigen Portionen unserer Gastgeber zu bewältigen.

Am Tag sechs unserer Reise treffen wir bei wolkenbruchartigen Regengüssen in der ungarischen Hauptstadt ein. Wieder ein anderer Konzertsaal, eine andere Akustik: Wir spielen im Ortsteil Óbuda, einst eine selbstständige Stadt, die 1873 mit Buda und Pest zu Budapest vereinigt wurde. Links neben dem Konzertsaal mehrgeschossige Plattenbauten, rechts die Barockkirche Peter und Paul von Óbuda: Budapest ist eine Stadt der Gegensätze. Am nächsten Morgen zeigt sich Budapest unter strahlend blauem Himmel von seiner Sonnenseite, wir verlieben uns in die Donaumetropole und genießen die K.u.k.-Atmosphäre, die hier noch immer zu spüren ist.

Unser letztes Konzert führt uns in das Lieblingsschloss von Kaiserin Sissi in Gödöllö, 30 km östlich von Budapest, die größte barocke Anlage in Ungarn. Sissi verbrachte einen beträchtlichen Teil ihrer Zeit zu Pferde, da ist es nur passend, dass wir in der frisch renovierten und zum Veranstaltungssaal umfunktionierten Reithalle auftreten. Wir sind das erste Orchester, das auf der neu angelegten Bühne spielen darf, versichert uns Schlossdirektor Tibor Gönczi, der uns einen herzlichen Empfang bereitet. Noch vor wenigen Wochen tagte hier der Europäische Rat unter der ungarischen EU-Ratspräsidentschaft.

Das Konzert in der bis zum letzten Platz ausverkauften Reithalle bildet den krönenden Abschluss einer rundum gelungenen Konzertreise. Sie ist reich an kleinen Geschichten, die sich unmöglich alle erzählen lassen. Eine dieser Geschichten ist die von unserem Busfahrer Stephan, der jeder Probe und jedem Konzert beiwohnt und auch an seinem freien Tag das Cembalo schleppt. Die monatelange und wohldurchdachte Vorbereitung ist eine Geschichte für sich: Dank sei allen, die die Reise mit ihrem Engagement möglich gemacht haben! Eine andere Geschichte ist die von dem jungen Solisten Alexander Kisch, der das E-Dur-Violinkonzert von Bach mit Reife und Ausdruck darbietet und mit uns von Konzert zu Konzert musikalisch mehr zusammenwächst. Erzählt wird auch die Anekdote von unserem Dirigenten Wolfgang Mettler, der sich wagemutig zum ersten Mal auf einen Pferderücken schwingt. Fest steht, dass er, inspiriert von dem Ritt, nach Griegs Holbergsuite die ungarische Zugabe von Leo Weiner mit so viel Feuer dirigiert, dass unsere Finger über die Saiten und die Zuhörer begeistert aus den Sitzen fliegen.
Die deutsch-ungarische Freundschaft, auf die sich Tibor Gönczi beim Sektempfang in Gödöllö feierlich bezieht, ist nicht nur innerhalb unseres Orchesters eine große Bereicherung, wir möchten sie zukünftig gern vertiefen und sagen köszönöm – dankeschön!


Vielen Dank für diesen Reisebericht, geschrieben von Dorle Elmers aus Frankfurt, unserer ständigen Tourneeaushilfe für die Geigen...

 

 

Tournee 2011 :

 

Konzerte in

Keszthely - Helikon Kastélymúzeum (Helikon Schlossmuseum) 

Pecs - Cella Septichora Látogatóközpont (Cella Septichora Besuchzentrum)

Budapest-Obdai - Óbudai Társaskör (Cercle von Óbuda)

Gödöllö - Gödöllői Grassalkovich kastély (Schloss Grassalkovich von Gödöllő) im Rahmen des dortigen Barockfestivals.

 


Solist

Alexander Kisch aus Konstanz, ehemaliges JKO-Mitglied.

 

Unser Programm:

Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791)
Eine kleine Nachtmusik KV 525 G-Dur

Joh. Seb. Bach (1685-1750)
Konzert in E-Dur für Violine, Streicher und B.c., BWV 1042
Alexander Kisch, Violine

Brandenburgisches Konzert Nr. 3 BWV 1048

Edvard Grieg (1843-1907)
Holberg-Suite
Nordische Weisen op. 63
Zwei Melodien op. 53

Johann und Josef Strauss - Pizzicato-Polka und Leo Weiner - 1. Divertimento, op. 20 "róka-tánc"  als Zugaben

 

 

Bilder: Tournee Ungarn

demnächst unter Hören und Sehen